Karl Rittmann Festakt - Demokratie feiern!

Heimerl spricht an Rednerpult über die Person Rittmann und das Einstehen für Demokratie, davor sitzt das Publikum.
© Nicole Dehde

15. September 2026

150 Jahre nach seiner Geburt rückte Karl Rittmann 2026 wieder stärker in das öffentliche Bewusstsein Freilassings. Bereits an seinem Geburtstag am 29. Juli erinnerte ein historischer Stadtspaziergang an sein Wirken und seine Verfolgung. Anfang August legten Erster Bürgermeister Markus Hiebl und Zweite Bürgermeisterin Bettina Oestreich im Namen der Stadt einen Kranz an Rittmanns Grab in Salzburghofen nieder.

Den Höhepunkt des Gedenkens bildete am 11. September 2026 der von der SPD Freilassing veranstaltete „Karl Rittmann Festakt – Demokratie feiern!“ im Freilassinger Rathaussaal. Die Veranstaltung erinnerte nicht allein an Rittmann als langjährigen Bürgermeister, sondern stellte insbesondere seine politische Verfolgung und die Bedeutung demokratischer Verantwortung in den Mittelpunkt.

Erinnerungskultur ist für unsere Gesellschaft eine wichtige Errungenschaft, die Wachsamkeit ermöglichen soll. Wachsamkeit, dass wir die Gestaltung unserer Gesellschaft nicht Menschen überlassen, die diese getrieben von Selbstprofit, Machtwahn und Hasserfülltheit nur zerstören wollen.

Dennoch stellt sich die Erinnerung an die Verbrechen der Kolonialzeit oder der NS-Diktatur meist als sehr abstrakt dar, die zentralen Orte der Erinnerung liegen oft weit weg und für das eigene Umfeld ist diese Vergangenheit schwer vorstellbar. Diese Wahrnehmung täuscht jedoch, denn der Unrechtsstaat des "Dritten Reichs" wirkte auf jeder Ebene. So auch im Fall von Freilassing. Freilassing war ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt und spielte eine zentrale Rolle bei der Organisation von Zwangsarbeit und Deportationen, insbesondere durch die Deutsche Reichsbahn. In der Nähe gab es KZ-Außenlager und Zwangsarbeitslager, die mit dem KZ Dachau und anderen Lagern verbunden waren. So wurden etwa Häftlinge aus dem KZ Dachau zur Zwangsarbeit in der Region eingesetzt, und Freilassing diente als Durchgangsstation für Deportationen in Vernichtungslager.

Aber Freilassing war auch Schauplatz der politischen Verfolgung durch die Nationalozialisten.

Karl Rittmann – vom Bürgermeister zum politisch Verfolgten

Karl Rittmann gehört zu den prägenden politischen Persönlichkeiten der Freilassinger Geschichte. Geboren am 29. Juli 1876 bei Dresden, kam er 1912 als Geschäftsführer der Konsumgenossenschaft nach Salzburghofen-Freilassing. Kurz darauf wirkte er an der Gründung des örtlichen SPD-Ortsvereins mit. 1919 wurde Rittmann zum Bürgermeister gewählt – in einer Zeit des demokratischen Aufbruchs nach dem Ersten Weltkrieg und bei der ersten Kommunalwahl, an der auch Frauen teilnehmen durften.

Während seiner Amtszeit von 1919 bis 1933 veränderte sich die Gemeinde erheblich. Unter Rittmann wurden wichtige Teile der kommunalen Infrastruktur ausgebaut: 1925 nahm das neue Krankenhaus den Betrieb auf, 1927 folgte das Feuerwehrhaus, 1928 das Schwimmbad Brodhausen und 1930 die gemeindliche Sparkasse. Auch der erste Kindergarten wurde von der Gemeinde unterstützt. In seine Amtszeit fiel zudem 1923 die Umbenennung von Salzburghofen in Freilassing.

Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme änderte sich Rittmanns Leben grundlegend. Im April 1933 enthoben ihn die Nationalsozialisten seines Bürgermeisteramtes. Noch im selben Jahr wurde er gemeinsam mit mehreren Gemeinderäten erstmals verhaftet. Insgesamt wurde Rittmann während der NS-Zeit dreimal in sogenannte „Schutzhaft“ genommen – ein Begriff, mit dem das Regime die Inhaftierung politischer Gegner ohne reguläres rechtsstaatliches Verfahren bemäntelte.

Seine schwerste Verfolgung folgte Mitte der 1930er-Jahre: Rittmann wurde in das Konzentrationslager Dachau verschleppt und kam erst im Juni 1936 nach 202 Tagen Haft wieder frei. Sein Weg steht damit exemplarisch für die Verfolgung politischer Gegner nach 1933. Gerade Sozialdemokraten gehörten zu den Gruppen, gegen die sich der nationalsozialistische Terror schon in der frühen Phase der Diktatur richtete; Dachau war ursprünglich insbesondere zur Inhaftierung politischer Gegner eingerichtet worden.

Rückkehr ins Rathaus und Wiederaufbau der Demokratie

Nach dem Zusammenbruch der NS-Diktatur kehrte ausgerechnet der zuvor verfolgte Bürgermeister an die Spitze der Gemeinde zurück. Die amerikanische Militärregierung setzte Rittmann erneut als Bürgermeister ein, weil sie in ihm einen überzeugten Gegner des Nationalsozialismus sah. Am 20. Juni 1946 berief er die erste Gemeinderatssitzung nach dem Krieg ein und war damit unmittelbar am demokratischen Neubeginn Freilassings beteiligt. Auch an der Wiedergründung der Freilassinger SPD Ende 1945 wirkte er mit. 1947 zog sich der inzwischen über 70-Jährige aus dem Bürgermeisteramt zurück.

Damit spannt sich Rittmanns politische Biografie über drei grundverschiedene Epochen deutscher Geschichte: vom demokratisch gewählten Bürgermeister der Weimarer Republik über den politisch verfolgten KZ-Häftling der NS-Diktatur bis zum Bürgermeister des demokratischen Neubeginns nach 1945.

„Demokratie feiern“ – Erinnerung zum 150. Geburtstag

Der von der SPD Freilassing veranstaltete „Karl Rittmann Festakt – Demokratie feiern!“ im Freilassinger Rathaussaal erinnerte nicht allein an Rittmann als langjährigen Bürgermeister, sondern stellte insbesondere seine politische Verfolgung und die Bedeutung demokratischer Verantwortung in den Mittelpunkt. Festredner Friedbert Mühldorfer erinnerte dabei an Rittmann als „Preuße, Protestant und Sozialdemokrat“ und an die dreimalige Inhaftierung durch die Nationalsozialisten.

Die Musik von Pianist De-Hong Ben Yin mit Beethovens 29. Klaviersonate und Janaceks 1. Klaviersonate ermöglichte dem zahlreichen Publikum zudem den Raum, den erfahrenen historischen Ereignisse und der sich daraus ergebenden gegenwärtigen Verantwortung auch emotional zu begegnen.

Der Titel „Demokratie feiern“ stellte dabei bewusst eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart her. Die Erinnerung an Karl Rittmann ist damit mehr als die Würdigung eines ehemaligen Bürgermeisters. Seine Biografie erzählt davon, wie schnell demokratische Ämter und Rechte verloren gehen können – aber auch davon, dass Menschen, die wegen ihrer politischen Überzeugung verfolgt wurden, nach dem Ende einer Diktatur am Wiederaufbau demokratischer Strukturen mitwirken können. Der SPD Vorsitzende Johannes A. Heimerl appellierte an das demokratische Bewusstsein, und dass dieses auch immer gute Vorbilder braucht. So wurde passend MdL a.D. Klaus-Peter Dehde für 50 Jahre Mitgliedschaft in der SPD geehrt.

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